Ab rund 3500 könnte man über eine Durchführung diskutieren. | Spengler Cup Davos

Ab rund 3500 könnte man über eine Durchführung diskutieren.

Article - Ab rund 3500 könnte man über eine Durchführung diskutieren.

09.08.2020

Die Davoser Eishalle ist wegen des zweiten Teils ihrer Renovation eine grosse Baustelle, es zieht durch die offenen Seiten im Westen und Osten. Eines der vier HCD-Leibchen, die hoch über der Ostkurve unter dem Dach hängen, hat der Wind um seine Halterung gewickelt, zu erkennen ist nur noch ein gelb-blauer Stoffklumpen. Es ist das Jersey mit der 5, sie gehörte einst Marc Gianola; er ist eine jener vier HCD-Legenden, deren Rückennummern vom Schweizer Rekordmeister nicht mehr vergeben werden.

Gianola, 46, sitzt im Club-Restaurant neben der Eishalle, seine Gedanken kreisen längst nicht mehr um frühere glorreiche Zeiten. Der Engadiner ist Geschäftsführer des Traditionsclubs, der 2021 sein 100-jähriges Bestehen feiern wird. Und Gianola ist auch OK-Präsident des Spengler-Cups, der mit jährlich rund 4 Millionen Franken Einnahmen die Lebensversicherung des Clubs ist. Auch das Turnier droht 2020 wegen Corona auszufallen.
Gianola ist derzeit aber auch, wie so viele andere, einfach nur fragender Mensch in seltsamen Zeiten, er blickt darum mit gemischten Gefühlen Richtung Mittwoch: «Es ist eine sehr emotionale Diskussion. Ein Auf und Ab. Darum stimmen mich all die unterschiedlichen Aussagen, die man nun hört, weder zuversichtlich noch pessimistisch.» Vor ein paar Monaten, als in Aussicht gestellt wurde, dass man irgendwann wieder mit Zuschauern Eishockey spielen könne, habe er positiven Enthusiasmus verspürt, «weil sich die Situation zu bessern schien». Nun sei es wieder schwierig, abzuschätzen, wo man stehe: «Ich kann nicht werten, ich sehe nur Zahlen, wie viele Menschen sich jeweils anstecken. Doch was die Konsequenzen sind, kann ich nicht beurteilen. Ich bin kein Experte.»
Das Konzept, wie es in Davos trotz Corona Eishockeyspiele geben könnte, wenn der Bundesrat zum Beispiel ein halb volles Stadion erlauben würde, steht. Rund 3500 Zuschauer dürften dann in die Halle, circa 900 pro Tribüne, nur Sitzplätze, Maskenpflicht, keine Gästefans. Wer sich um die Regeln foutiert, würde man «aus dem Stadion begleiten», wie es Gianola formuliert. Konsequenzen sollen jene tragen, die sich nicht benehmen können, sagt er, «und nicht jene, die alles unternehmen, um ein Vorbild zu sein».
Der Grossteil der 3500 wäre bereits für die 2500 Dauerkarten-Besitzer der Sitzplätze vergeben, auch diese müssten sich indes für jedes Spiel neu registrieren, damit man wirklich wisse, wer wo im Stadion sitzt. Gianola glaubt nicht, dass viele Fans aus der Kurve unter diesen Umständen überhaupt noch ins Stadion wollen. «Doch auch diesen würden wir Angebote machen, genauso wie Leuten, die sich ein Sitzplatz-Abo nicht leisten können: Jugendlichen, Rentnern, IV-Bezügern.»

Doch was, wenn es bei maximal 1000 Zuschauern bleibt? Oder sogar auf 100 nach unten korrigiert wird, wie es Experten auch empfehlen? «Dann braucht es kein grosses Konzept mehr. Damit wäre auch klar, dass es grosse Verluste für den HCD gäbe», sagt Gianola. Inklusive Spengler-Cup bescheren die im Schnitt normalerweise rund 5000 Zuschauer pro Spiel dem HCD 9 Millionen Franken und damit rund ein Drittel des Gesamtumsatzes. «Müssen wir eine ganze Saison mit 1000 Zuschauern spielen, dann laufen wir in eine Überschuldung und müssten die Bilanz deponieren», sagt Gianola. In Davos ist man zwar überzeugt, nicht der erste Club zu sein, den es treffen würde. «Wir verfügen über gewisse finanzielle Reserven», sagt Gianola. «Aber es wäre auch bei uns nur eine Frage der Zeit, bis es so weit ist.»
1000. Diese fixe Zahl, sie stört Gianola: «Weil sie kein Massstab ist. Es kommt auf die Grösse des Stadions und die eingesetzten Schutzkonzepte an.» Er sei jemand, der Probleme lösen wolle: «Man kann nicht alle in einen Topf werfen und sagen: ‹Das geht nicht.›» Den Vorwurf, die Clubs machten öffentlich zu wenig Lärm, betrieben bei der Politik nicht genug Lobbyismus, teilt Gianola nicht. Dies geschehe sehr wohl, im Hintergrund, an den richtigen Orten. Und er selbst sei kein Freund lauter und polemischer Mitteilungen.

Die NL-Clubs sind sich noch uneins, wie und wann man die Saison bei einem «1000er»-Entscheid beginnen würde. Einige plädieren für einen Start im September, in der Hoffnung, je nach Entwicklung später mehr Zuschauer ins Stadion lassen zu können. Andere würden lieber eine Verschiebung sehen, wenn nötig, gar bis Januar. Doch wie würde man die Zeit bis dahin überbrücken? «Dann hätten wir ein Liquiditätsproblem. Die Personalkosten müsste man zurückhalten. Man würde sie ja nicht einsparen: Wenn die Einnahmen später kommen, dann kann man diese dann auszahlen. In der Überbrückungsphase bis Januar müsste man aber massiv an Personalkosten sparen.»
Die Mannschaft werde laufend über die aktuelle Situation informiert, die Frage des Entgegenkommens stellt sich Gianola nicht: «Es ist einfacher, eine Lösung zu finden, wenn es allen Clubs schlecht geht, als wenn die Krise nur einen Club betreffen würde. Ich glaube, dass du als Spieler in der Schweiz nach wie vor nicht am schlechtesten Ort bist, um am Ende doch noch einen grossen Teil deines Lohns zu erhalten.»

Und der Spengler Cup?
Eine Absage müsste bis Ende Oktober erfolgen, ansonsten droht dem HCD noch grösserer finanzieller Schaden. Eine Lösung mit 1000 Zuschauern sieht Gianola für das Turnier nicht: «Ab rund 3500 könnte man über eine Durchführung diskutieren.» Doch die wirtschaftliche Frage und jene nach der Ambiance seien nur ein Teil der Überlegungen, sagt Gianola. «Die für mich wichtigere Frage ist diese: Können die Teams aus Finnland, Tschechien und Russland anreisen? Und können sie nach dem Turnier zurück in ihre Heimat?» Wenn nicht, gäbe es zwei kurzfristige «Pläne B»: Eine weitere Schweizer Mannschaft springt kurzfristig ein. Oder es wird mit dem früheren Modus, mit fünf statt sechs Teams, gespielt. Beides keine idealen Lösungen.

Quelle: Kristian Kapp / Sonntags Zeitung Foto: Keystone

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