16.11.2017 09:00

Die Probleme wurden erkannt, die Mannschaft hat die richtige Einstellung und arbeitet daran

 

Bob Hartley ist in der Schweiz noch in bester Erinnerung. Der Stanley Cup-Sieger von 2001 coachte die ZSC Lions in der Saison 2011/2012, holte dabei in extremis den Meistertitel und kehrte daraufhin zurück in die NHL. Mittlerweile ist der Kanadier Trainer des lettischen Nationalteams. Und damit auch fast der Hälfte aller Spieler Dinamo Rigas.

Bob Hartley ist kein Mann der bequemen Kompromisse. In seiner Zeit als Trainer bei den ZSC Lions brachte er mit seiner hartnäckigen Art manchen Spieler und Funktionär ans Limit – im positiven, wie im negativen Sinne. Hartley, ein eigentlicher Eishockey-Besessener, gab und forderte Zeit seiner Trainerkarriere alles und war damit extrem erfolgreich: Ohne nennenswerte Aktiv-Vergangenheit gewann er als Cheftrainer einen Stanley Cup mit den Colorado Avalanche (2001), den Meistertitel mit den ZSC Lions (2012) und bei den Calgary Flames die Jack-Adams-Trophy für den besten Coach der NHL (2015). Umso mehr mag es da erstaunen, dass der Kanadier im letzten Dezember den Posten des lettischen Nationaltrainers übernahm. Eine Funktion ohne eigentliches Tagesgeschäft. «Ich war tatsächlich mit einigen Klubs in Europa und in Nordamerika in Kontakt gestanden, aber es hat nicht ganz gepasst», sagt Hartley. Und: «Das ist okay, so ist das Geschäft. Ich bin jetzt 57 Jahre alt und kann mit dieser Situation sehr gut leben.»

Tatsächlich muss sich Bob Hartley für seinen Job ja gar nicht verbiegen. Eishockey ist Eishockey – ganz egal, ob in der NHL, in der Schweiz oder bei einem Nationalmannschaftsprogramm. Und im Falle Lettlands, das zuletzt mit dem Scheitern in der Olympia-Qualifikation einen herben Rückschlag einstecken musste und aktuell mit Zigmuns Girgesons nur einen einzigen NHL-Spieler stellt, hat Hartley die passende Herausforderung gefunden: eine leidenschaftliche Hockeynation, die in der Vergangenheit einige ganz grosse Namen hervorgebracht hat, sich nun aber neu aufstellen und spätestens zur WM 2021 im eigenen Land zu grossen Taten bereit sein will. «In der Verbandsführung haben frische Kräfte übernommen, die einen Neustart wagen wollen», erklärt Hartley. Von ihm als gestandenem Eishockeylehrer erhoffe man sich also folglich nicht nur das Coaching des Nationalteams, sondern auch Impulse in der Ausbildung neuer und junger Trainer. Die Einsicht ist gereift, dass man mit dem Aufbau bereits in den unteren Stufen beginnen muss. «Die Letten spielen und arbeiten hart. Darauf lässt sich aufbauen», lobt Hartley. Er fühle sich an seine Schweizer Zeit erinnert, als er bei den ZSC Lions auf allen Stufen eine sehr hohe Arbeitsbereitschaft angetroffen habe: «Heute hat die Schweiz u.a. Nico Hischier oder Roman Josi hervorgebracht. Ja, die Schweiz ist für uns ein Vorbild.» Dass es dem grossen Aushängeschild Dinamo Riga derzeit alles andere als gut läuft, sei zwar «unschön», besorge ihn aber folglich nicht: «Die Probleme wurden erkannt, die Mannschaft hat die richtige Einstellung und arbeitet daran.»

Die Entwicklung eines Nationalteamprogramms – es ist für Bob Hartley eine spannende und herausfordernde Aufgabe. Gleichzeitig hält er sich nach wie vor die Möglichkeit offen, sich auf ein Engagement als Klubtrainer einzulassen. Als er im Sommer nach der WM seinen Vertrag um fünf Jahre verlängerte, verpflichtete er sich damit für drei Monate im Jahr. Momentan verbringt er drei Viertel des Jahres noch in seiner Heimat in Kanada und in seinem Haus in Florida, wo er als Experte für Radio- und TV-Stationen arbeitet und Trainingscamps für Kinder veranstaltet. «Seit ich 26 bin, coache ich eigentlich nonstop. Die aktuelle Situation fühlt sich für mich gut an», erklärt er, um gleich vielsagend nachzuschieben: «Ich bin für alles offen.» Also auch ein Engagement in der Schweiz? «Ein Amt in Deutschland, in der KHL oder in der Schweiz würde sich mit meinem Job als lettischer Nationaltrainer gut vereinbaren lassen», sagt Bob Hartley. Affaire à suivre.