22.12.2017 10:33

Im Gespräch mit dem Trainer der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft Patrick Fischer

 

Als Captain des HC Davos hat Patrick Fischer im Jahr 2000 den Spengler Cup gewonnen und im Frühling 2002 die Meistertrophäe in die Höhe gestemmt. Jetzt kehrt er mit grossen Ambitionen nach Davos zurück. Als Trainer des Schweizer Nationalteams nutzt er den Spengler Cup als wichtige Olympiavorbereitung.

Patrick Fischer, was bedeutet es Ihnen persönlich, als ehemaliger HCD-Spieler und -Capain jetzt als Trainer der Schweizer Nationalmannschaft an den Spengler Cup zu kommen?

Patrick Fischer: Es ist mega speziell. Ich betrachte den Spengler Cup als unglaublich tolles Turnier, eines der schönsten, das man als Spieler bestreiten kann. Ich durfte es ein paar Mal selber erleben, als ich beim HCD spielte. Mir blieben viele schöne Erinnerungen und Emotionen. Dass wir jetzt mit dem Nationalteam am Spengler Cup teilnehmen dürften, ist eine tolle Geschichte.

Der Spengler Cup ist für die Schweizer Nationalmannschaft das letzte Vorbereitungsturnier vor den Olympischen Spielen. Welche Ziele peilen Sie in Davos an?

Wir sind während des Spengler Cups noch immer im Selektionsprozess für die Olympischen Spiele. Deshalb gilt es für die Spieler, sich zu zeigen und sich zu bestätigen und als Mannschaft zu wachsen. Gleichzeitig wollen wir unser Spielsystem und Konzept verfeinern, damit wir für die Winterspiele wirklich gut gerüstet sind.

Die Fans sehen die Schweiz in der Favoritenrolle und erwarten am Spengler Cup nichts Anderes als den Turniersieg!

Wir werden mit einer sehr starken Mannschaft antreten. Ich bin stolz, dass wir als Mitfavoriten gelten. Wir werden alles geben, damit wir dieser Rolle gerecht werden.

Nach Ihrer ersten WM als Nati-Headcoach und dem elften Platz in Moskau waren aus gewissen Journalistenkreisen Zweifel an Ihnen und Ihrem offensiven Spielsystem aufgekommen. Wie nahmen Sie das auf?

Wir erreichten unser Ziel, die Qualifikation für die Viertelfinals, nicht. Da ist es normal und korrekt, dass Kritik aufkommt. Wichtig ist, was man daraus lernt. Ich bin froh, dass ich trotzdem Nationaltrainer bleiben durfte. Ich sprach von Anfang an von einem Prozess. Als Eishockeynation wollen wir den Umgang mit dem Puck lernen, in der Offensive im Scheibenbesitz effizienter und besser spielen, so dass wir auch auf diesem Niveau zu Toren kommen. Wir machten das 2016 eigentlich gut, aber wir gingen etwas zu viel Risiko ein. Für die letzte WM korrigierten wir das etwas zurück. Prompt hatten wir an der WM im Mai dieser Jahres in Paris eine bessere Balance zwischen der Offensive und der Defensive. Aber wir haben diesbezüglich noch immer Steigerungspotenzial. Dabei handelt sich primär um eine Kopfsache, dass wir auch auf höchstem Niveau das Vertrauen haben, die richtigen Entscheide mit dem Puck zu treffen, so dass wir vor dem Tor kaltblütiger werden und unsere Chancen verwerten. Wenn wir diese letzten fünf bis zehn Prozent noch schaffen, auch im Powerplay, sind wir sehr gefährlich.

An der letzten WM punktete die Schweiz im Mai dieses Jahres nach einem zaghaften Beginn in den Gruppenspielen gegen Kanada (3:2 n.V.), Finnland (2:3 n.V.) sowie Tschechien (3:1), und im Viertelfinal verlor sie gegen den späteren Weltmeister Schweden nur knapp mit 1:3 verloren. Hat Ihr Team ihren Spielstil und ihre offensive Identität gefunden?

Wir machten an der letzten WM einen guten Schritt. Es beginnt immer mit dem ersten Pass. Aus der Defensive unter Druck gute Entscheide fällen. Deshalb selektionierten wir spielerisch starke Verteidiger. Der Traum wären natürlich körperlich robuste, grosse und spielerisch starke Abwehrspieler. Zum Teil haben wir sie, aber noch nicht auf allen Positionen. Auch offensiv gelang es uns, gute Situationen zu kreieren. Wir sind daran, zu den Top-Nationen aufzuschliessen – auch mental. Das stärkt das Vertrauen in die eigenen Kräfte. Im Sport ist es das wichtigste, wie sehr vertraue ich mir und meinen Mitspielern. So kann man Berge versetzen.

Apropos Berge versetzen: Nach dem sechsten WM-Rang in Paris liebäugeln viele Fans mit einer Olympiamedaille der Schweiz in Pyeongchang, zumal dort die NHL-Spieler in allen Teams fehlen werden. Sind Sie damit einverstanden?

Schon Ralph Krueger sprach von einer Medaille, ich träume auch davon. Es ist ein hohes Ziel, aber wir haben bekanntlich 2013 an der WM Silber gerungen und gesehen, was möglich ist. Eine Olympiamedaille fehlt uns noch (lacht). Bis dahin ist es jedoch noch ein langer und harter Weg. Die anderen Top-Nationen peilen auch eine Medaille an. Aber wenn wir es schaffen, unser Potenzial auszuschöpfen, liegt einiges drin. Ich bedaure, dass die National Hockey League ihre Spieler nicht freigibt und folglich die besten Spieler der Welt fehlen werden.  Für unseren Sport ist das nicht ideal. Aus egoistischer Schweizer Sicht haben wir jedoch mehr Chancen, als wenn die Kanadier, Schweden und Russen mit all ihren Top-Stars antreten, da sie dann breiter besetzt werden. Die letzte WM hat uns gezeigt, dass wir sehr, sehr viele gute Spieler in der Schweiz haben. Es macht extrem Spass, mit dieser hungrigen Leuten zu arbeiten. Für uns ist es kein Nachteil, dass die NHL-Spieler fehlen werden.

Blicken wir noch kurz auf Ihre vier Jahre als Spieler beim HCD zurück: Was ist Ihnen aus der Zeit von 1999 bis 2003 in besonderer Erinnerung geblieben?

Da sticht der erste Schweizer Meistertitel mit Arno Del Curto, den wir 2002 holten, heraus. Ich war damals Captain. Im Jahr 2000 hatten wir bereits den Spengler Cup erstmals seit 42 Jahren wieder für den HCD gewonnen. Das waren extrem schöne Momente. An Davos und den HCD habe ich sehr viele schöne Erinnerungen mit tollen Fans und einem wunderschönen Stadion. Mein Sohn kam dort auf die Welt. Ich habe noch immer viele Freunde in Davos. In meinen vier Jahren beim HCD hatten wir eine wirklich starke Mannschaft. Wir hätten eigentlich noch mehr Titel holen sollen. Damals begann alles. Nach meinem Abgang kamen bekanntlich bei Davos noch ein paar Titel dazu. Der HCD ist ein Kultklub, auf der ganzen Welt bekannt. Die Zeit in Davos war für mich als Spieler eine extrem wichtige Phase. Ich erhielt von Arno Del Curto sehr viel Vertrauen. So brachte er mich sehr nahe an mein optimales Potenzial heran. Dafür bin ich ihm und dem ganzen HCD für immer dankbar.

Was bedeutete Ihnen der Spengler Cup damals als Spieler?

Der Spengler Cup ist ein Eishockeyfest mit einem riesigen Zuschaueraufmarsch und sehr viel positiven Emotionen. Am Spengler Cup handelt es sich weder um eine WM noch um eine nationale Meisterschaft. Gleichwohl sind die Spieler an diesem Prestigeturnier voll motiviert. Die Aufmerksamkeit für den Spengler Cup ist riesig. Da macht es Spass, dabei zu sein. Die spielerischen Elemente stehen im Vordergrund. Man hat auf dem Eis etwas mehr Zeit, und es wird etwas offensiver agiert. Ich spielte am Spengler Cup immer extrem gerne; für mich war es ein Riesen-Geschenk.

Sie haben Arno Del Curto bereits erwähnt. Was konnten Sie von ihm für Ihre eigene Trainerphilosophie mitnehmen?

Sehr viel. Zum Beispiel die ganze Trainingslehre, wie er bezüglich Intensität auf und neben dem Eis trainiert. Auch taktisch versuchte ich zu Beginn als Coach ähnlich wie er zu spielen; inzwischen habe ich es etwas abgeändert. Menschlich habe ich von Arno ebenfalls sehr viel gelernt. Er kann jeden Spieler „herauskitzeln“, damit er an seine Bestleistung herankommt durch Aufmerksamkeit, durch Gespräche und Motivation, manchmal auch durch Provokation. Ich habe grössten Respekt vor dem, was Arno für den HCD und generell in den letzten bald 40 Jahren fürs Schweizer Eishockey gemacht hat. Ich erlebten ihn schon als mein U20-Nationaltrainer. Ich habe ihm sowohl als Spieler wie auch als Coach sehr viel zu verdanken. Wir haben nach wie vor einen guten Austausch. Ich schätze Arno sehr als Mensch und Freund.

Überrascht es Sie, dass Arno Del Curto bereits seit 1996 und noch immer Trainer des HCD ist?

(lacht) Das ist eine unglaubliche Geschichte. Dass ein Trainer mehr als 20 Jahre am selben Ort arbeitet, ist allein schon speziell. Was mich nicht überrascht, aber begeistert, ist, dass er auch in seiner 22. Saison beim HCD noch immer die gleiche Leidenschaft und das gleiche Feuer hat und und ausstrahlt. Es ist extrem beeindruckend, wie Arno das schafft, die Spieler bei der Stange hält, mit ihnen weiter wächst und den Klub mit seiner ganzen Energie führt. Das ist eine Mammutleistung. Ich spüre es jedes Mal, wenn ich mit ihm rede, wie er noch immer mit Leib und Seele dabei ist und versucht und macht, um unser Eishockey zu verbessern. Das ist extrem Gold wert.