24.12.2009
Teamcheck: Ohne Gegentor zum Turnier-Sieg?
Seit 1982 warten die tschechischen Vertreter auf einen Sieg am Spengler Cup. Dieses Jahr stehen die Chancen dazu nicht schlecht: Mit Energie Karlovy Vary nimmt der amtierende tschechische Meister teil, der eine der besten Hintermannschaften Europas besitzt.
Macht aus dem Osten
In den 60er- und 70er-Jahren dominierten tschechoslowakische Mannschaften den Spengler Cup: Zwischen 1962 und 1978 ging der Pokal zehn Mal in die Tschechoslowakei, Mannschaften wie Dukla Jihlava oder Slovan Bratislava hinterliessen in Davos einen bleibenden Eindruck. Seit den 80er-Jahren hinken sie aber ihrem damaligen Erfolg nach, zuletzt konnte Dukla Jihlava 1982 den Cup gewinnen.
Mittlerweile Kanonenfutter
Die politische Wende von 1989 bedeutete auch eine Wende für das tschechische Eishockey: Die besten Spieler durften nun in die weit lukrativere NHL wechseln, die einheimischen Mannschaften dadurch international nicht mehr dominieren. Im Gegenteil: Seither schaffte es nur Sparta Prag mit seiner Finalqualifikation 2004, als tschechische Mannschaft am Spengler Cup über die letzten zwei Plätze hinauszukommen.
Verbesserung angestrebt
Auch der HC Energie Karlovy Vary, der letztes Jahr zum ersten Mal am Turnier in Davos teilnahm, vermochte mit seinem vierten Rang daran nichts zu ändern. In Karlsbad setzt man alles daran, dass es dieses Jahr klappt: «Wir wollen uns auf jeden Fall zumindest gegenüber dem Vorjahr verbessern», nimmt sich Sportchef Bronislav Pisa vor. Bescheidener sind die Ambitionen des tschechischen Meisters in der heimischen Extraliga: Als Zielvorgabe wurde nur die Direktqualifikation für die Play-offs erklärt (dazu ist in Tschechien mindestens der sechste Rang nötig) - «danach schauen wir mal», so Pisa.
Für die fernere Zukunft hat man sich mehr vorgenommen: Der HC Energie Karlovy Vary möchte als erster mitteleuropäischer Verein in die vorwiegend russische Kontinentale Hockeyliga (KHL) einsteigen. Bereits vor einem Jahr wurden die Weichen in diese Richtung gestellt, doch die Finanzkrise machte den Tschechen einen Strich durch die Rechnung: Die KHL musste auf eine grössere Erweiterung verzichten und konnte nur eine russische Mannschaft neu aufnehmen.
Ein überraschender Exploit
Der Beitritt zur wohl stärksten europäischen Liga wäre die Krönung des kometenhaften Aufstiegs, welchen der Verein aus dem westböhmischen Kurort Karlsbad hinter sich hat. 1932 als SK Slavia Karlovy Vary gegründet, dümpelte der Verein bis in die 90er-Jahre von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt in der zweiten oder dritten Liga der Tschechoslowakei. Höhepunkt der Vereinsgeschichte waren bis dahin einzig die Jahre 1951 bis 1956, als man in der obersten Liga mittun konnte und nicht selten über 10'000 Zuschauer an die Spiele pilgerten.
1989 nahmen sich die tschechischen Hockey-Koryphäen Miroslav Vanek und Ladislav Trubac des Vereins an - ersterer ist Karlsbad als Geschäftsführer bis heute erhalten geblieben - und stiegen mit ihm auf Anhieb in die 2. Liga auf. Mitte der 90er-Jahre klopfte Karlovy Vary mehrmals an die Tür der Extraliga, scheiterte aber Jahr für Jahr. Am knappsten und bittersten für Karlovy Vary in der Saison 1996/97: In der Barrageserie gegen Extraliga-Vertreter Slezan Opava verlor man die ersten drei Spiele, konnte die Serie mit einem Kraftakt aber ausgleichen - und verlor dennoch das letzte und entscheidende Spiel.
Fremdhilfe
Trotzdem mussten die Karlsbader Fans nun nicht mehr länger auf erstklassiges Eishockey warten: Der Verein erwarb die Extraliga-Lizenz von Olomouc, das sich aus finanziellen Gründen zurückzog. In der Extraliga etablierte sich Karlovy Vary vorerst nur als Kellermannschaft: Bis 2006 erreichte man nie eine bessere Platzierung als den zehnten Rang, immerhin stieg der Verein nicht mehr ab. In der Saison 2007/08 gelang Energie Karlovy Vary dann plötzlich ein überraschender Exploit: Mit dem vierten Rang in der Regular Season gelang erstmals die Qualifikation für die Playoffs - und bei der ersten Playoff-Teilnahme gleich der Einzug ins Final. Dieser ging zwar gegen Slavia Prag verloren, doch in der vergangenen Saison bot sich Karlovy Vary die Chance erneut, erstmals den Meistertitel zu gewinnen. Dieser wurde nach einem überzeugenden 4:2 in der Serie gegen Slavia Prag Wirklichkeit.
Hinten wasserdicht
Eines der Rezepte des Karlsbader Erfolgs ist die starke Hintermannschaft: Mit Torhüter Mensator, der wie die Verteidiger Jakub Cutta und Ondrej Nemec schon oft in der Nationalmannschaft zum Einsatz kam, verfügt Energie über einen guten Rückhalt. Cutta greift zurück über mehrjährige Erfahrung in verschiedenen nordamerikanischen Ligen, unter anderem spielte er mit den Washington Capitals in der NHL. Gleich mit vier Hochkarätern wurde die Defensive verstärkt: Martin Paryzek kehrt nach einem zweijährigen Engagement bei den Ottawa Senators nach Tschechien zurück, aus der tschechischen Liga wurden Jan Mucha, David Hajek und Tomas Brnak verpflichtet.
Vorne nicht schwach
Doch auch im offensiven Bereich konnte Karlovy Vary zulegen. Neuzuzug Marke Hascak verfügt für seine 23 Jahre über bemerkenswert viel internationale Erfahrung aus den Ligen Kanadas, Lettlands und Weissrusslands. Er trifft auf schlagkräftige Partner im Sturm: Petr Kumstat, der vor einigen Jahren eigentlich als Verteidiger geholt wurde, entwickelte sich in Karlsbad zu einem der erfolgreichsten Torschützen der Liga. Kapitän Vaclav Skuhravy ist eine Leaderfigur, die schon seit 2002 bei Karlovy Vary und seit 2005 auch in der Nationalmannschaft für Furore sorgt.
Prognose: Platz 5
Karlovy Vary ist sicher stärker einzuschätzen, als vorherige Mannschaften aus Tschechien, dafür bürgt die wirklich starke Defensive, die in Europa ihresgleichen sucht. Aber ist Karlsbad vorne zu schwach, um die anderen Teams in Bedrängnis zu bringen. Es reicht nur zum fünften Rang.
Hinweis: Beim Spengler Cup wird die sport.ch-Redaktion vor Ort berichten: Interviews, Storys, Vorschauen, ''Three Stars'', Analysen und Video-Interviews mit Spielern und Promis. Dazu bieten wir natürlich wie immer jedes Spiel live im kommentierten Ticker an.